Erfolgreiches Fraud Management

Wirtschaftskriminalität

Was ist Wirtschaftskriminalität?

Zwischen 5 und 25 Prozent der Personalentscheidungen werden innerhalb der ersten beiden Jahre korrigiert. Weitere 10 bis 15 Prozent der Einstellungen sind aus Unternehmenssicht nicht befriedigend. Auf der Managementebene werden nur 81 Prozent der Stellenbesetzungen als wirklich gute Entscheidungen wahrgenommen. Jede 5. Mitarbeiterentscheidung stellt sich mittelfristig als Fehlentscheidung heraus. Ein Teil dieser Fehlbesetzungen ist einfach ärgerlich, teuer, unproduktiv und sorgt für eine Belastung des Unternehmensklimas. Ein anderer Teil hingegen ist nicht nur sehr teuer, sondern auch extrem gefährlich für dieses Unternehmen. Und genau diese Kategorie fällt unter die Überschrift Wirtschaftskriminalität.

Unter Wirtschaftskriminalität versteht man generell Handlungen und Straftaten, die einen Bezug zur Wirtschaft haben. In Deutschland gibt es laut Bundeskriminalamt (BKA) keine Legaldefinition des Begriffs „Wirtschaftskriminalität“, die Polizei orientiert sich bei der Zuordnung von Straftaten zur Wirtschaftskriminalität am Katalog des § 74 c Abs. 1 Nr. 1 bis 6b Gerichtsverfassungsgesetz (GVG), der die Zuständigkeit der landgerichtlichen Wirtschaftsstrafkammern regelt. Zur Wirtschaftskriminalität zählen u.a. Delikte wie Betrug, Arbeitsdelikte, Anlage- und Finanzdelikte, Insolvenzdelikte, Wettbewerbsdelikte, Gesundheitsdelikte uvm.

Wirtschaftskriminelle

Wirtschaftskriminelle TäterprofilWirtschaftskriminelle verstehen es meist, sich gut zu tarnen. Oft handelt es sich bei Wirtschaftskriminellen um anerkannte Manager, nicht selten sogar um Top-Manager. In der weltweit durchgeführten Studie „Globale Profile von Betrügern“ hat KPMG im Jahr 2013 ermittelt, wie das charakteristische Täterprofil von Wirtschaftskriminellen aussieht. Für diese Studie untersuchten KPMG-Experten 596 Fälle von Wirtschaftskriminalität in 78 Ländern. Laut einer auf Welt.de veröffentlichten Grafik sieht das durchschnittliche Täterprofil nach KPMG-Angaben wie folgt aus:

  • 36 – 45 Jahre (70%)
  • handeln nicht allein (70%)
  • mehr als 6 Jahre in der Firma angestellt (41%)
  • extrovertiert (39%)
  • freundlich (34%)
  • wichtige Position (30%)
  • gebildet (26%)

Zu den Motiven der Wirtschaftskriminellen zählt die KPMG Studie:

  • Gier (51%)
  • persönlicher Vorteil (50%)
  • Gefühl der Überlegenheit (48%)
  • Betrügerische Absprache mit anderen (37%)
  • weil ich es kann (20%)

Grundsätzlich: Im Wirtschaftsprofiling unterteilen wir zunächst zwischen zwei Motiv-Kategorien:
1. Lust (Gier, aber auch nichts Neues haben wollen, sondern was Altes nicht verlieren wollen).
2. Unlust (auch Angst).

Bei der Aufdeckung von kriminellen Handlungen in einem Unternehmen fragen wir uns also vorab: haben wir es mit Gier oder Angst zu tun?

Die meisten Tätiger rechtfertigen sich selbst, warum es richtig ist, was sie machen (Selbstrechtfertigung). In genau diesen Mustern der Selbstrechtfertigung erkennt man die Moral seines Gegenübers.

Betrugsarten

Grundsätzlich unterscheidet man vier Arten von Betrug:
1. Vergeltung (Retourkutsche): Emotionale Form des Betrugs, bei der sich jemand für gefühltes Unrecht recht gibt.
2. Sittenverfall: Täter stellt sich über die Regeln.
3. Geplanter Betrug: Berufsbetrüger, geplant, kalkuliert.
4. Betrug aus Gewohnheit: Täter geht das rechte Maß vollkommen verloren. Frequenz und Tragweite des Betrugs steigern sich hier stetig.

Wirtschaftskriminalität Statistik

Die Studie „Wirtschaftskriminalität 2018 Mehrwert von Compliance – forensische Erfahrungen“ von PricewaterhouseCoopers (PwC) bzw. der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg zeigt, dass ca. 50 Prozent der gegen Unternehmen gerichteten Wirtschaftsstraftaten von eigenen Angestellten begangen werden (also fast jeder zweite Mitarbeiter!), 25 Prozent davon sind Personen aus der obersten Führungsebene. Schätzungen des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungen gehen davon aus, dass alleine deutschen Unternehmen durch betriebsschädigendes Verhalten durch eigene Mitarbeiter jährlich Schaden in Milliardenhöhe entsteht.

Nach der Studie „Wirtschaftskriminalität 2007“ von PwC ist die Hälfte der deutschen Unternehmen im Erhebungszeitraum durch wirtschaftskriminelle Handlungen geschädigt worden. Der Gesamtschaden der aufgedeckten Delikte beläuft sich auf sechs Milliarden Euro pro Jahr – die Zahl der nicht aufgedeckten und nicht entdeckten Delikte liegt entsprechend weitaus höher.

Laut „Bundeslagebild Wirtschaftskriminalität 2017“ des Bundeskriminalamts (BKA) wurden in der polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) 74.070 Wirtschaftsstraftaten registriert, was einer Steigerung um 28 Prozent im Vergleich zum Vorjahr entspricht. Laut Lagebild des BKA betrug 2017 der Schaden der in der polizeilichen Kriminalstatistik erfassten Wirtschaftsdelikte 3,738 Milliarden Euro. Im Vergleich zum BKA unterscheidet PwC noch zwischen der analogen Wirtschaftskriminalität und Cybercrime. Laut PwC-Studie ist der Anteil der analogen Wirtschaftskriminalität von 2015 auf 2017 von 51 Prozent auf 45 Prozent gefallen (sechs Prozent) und bei Cybercrime von 34 Prozent auf 46 Prozent um 12 Prozent gestiegen.

KPMG kommt in ihrer Studie aus dem Jahr 2018 zu dem Schluss, dass etwa jedes dritte Unternehmen von Wirtschaftskriminalität betroffen ist. Und laut einer Studie der amerikanischen Association of Certified Fraud Examiners (ACFE) gehen die meisten der befragten CFOs davon aus, dass ein Unternehmen jährlich rund fünf Prozent seines Umsatzes in Folge von Betrugsdelikten verliert.

Fraud Management

Beim Fraud Management bzw. beim Anti-Fraud-Management geht es um die Abwehr und Bekämpfung von Wirtschafts- und Unternehmenskriminalität. Das Ziel aller Maßnahmen ist es, sogenannte dolose Handlungen zu vermeiden, aufzudecken und aufzuarbeiten. Der Begriff „dolose Handlungen“ wird von Wirtschafttsprüfern verwendet und umfasst alle vorsätzlich durchgeführten Handlungen, die einem Unternehmen schaden, darunter Betrug, Unterschlagung, durch Handlungen der Mitarbeiter bedingte Vermögensverluste usw. Fraud Management, auch Fraud Prevention and Detection genannt, dient also der Vorbeugung, Entdeckung und adäquater Reaktion auf dolose Handlungen in Unternehmen. „Fraud“ kommt aus dem Englischen und heißt übersetzt „Betrug“, es geh hier also um ein erfolgreiches Betrugsmanagement.

Fraud-Triangle

Fraud ManagementDer Dreiklang im Fraud-Management lautet:

  • Prävention
  • Aufdeckung
  • Aufarbeitung

Laut Fraud-Triangle des US-Soziologen Donald R. Cressey müssen drei Faktoren zusammenkommen, die einen Mitarbeiter dazu verleiten, gegen geltendes Recht, Moral und Sitte zu Verstoßen und damit dem eigenen Unternehmen zu schaden:
1. Anreiz / Druck: persönlicher Anreiz (Geld, Rache etc.), oder extrem hoher Druck.

2. Gelegenheit: z.B. aufgrund der eigenen Position im Unternehmen, schlechte oder fehlende Kontrollinstanzen, Zufall usw.

3. Rechtfertigung: Selbstrechtfertigung der Handlung (z.B. durch „höheres Ziel“).

Compliance Management System

„Compliance umfasst alle Vorkehrungen, die getroffen werden, um zu gewährleisten, dass Mitarbeiter und Organmitglieder eines Unternehmens alle Gesetze, Richtlinien und Verordnungen einhalten, solange sie für das Unternehmen handeln. Compliance dient damit der Sicherstellung normgerechten Verhaltens eines Unternehmens“.

Die bei der Wirtschaftskriminalität beteiligten Unternehmensbereiche sind Interne Revision (hilft bei der der Aufdeckung), Compliance (macht Vorgaben an die Mitarbeiter), Personalabteilung (prüft Bewerber*innen und Mitarbeiter*innen u.a. auf Integrität) sowie Personalentwicklung (schult und sensibilisiert Mitarbeiter*innen). Ein Wirtschaftsprofiler kommt meist erst bei der Besetzung hoch sensibler Positionen, im Verdachtsfall oder zur Aufklärung einer dolosen Handlung ins Spiel.

Entgegen der gängigen Meinung ist es wissenschaftlich belegt, dass die Persönlichkeit eines Menschen den größten Einfluss darauf hat, ob dieser sich betriebsschädigend verhält. Tatgelegenheiten, Entdeckungsrisiko und firmenspezifische Rahmenbedingungen spielen im Vergleich dazu eine eher untergeordnete Rolle.

Umso wichtiger ist es also, die richtigen Mitarbeiter*innen auszuwählen, Menschen treffsicher einschätzen zu können und zu lernen, wie man im eigenen Unternehmer zum Profiler werden kann.