Das menschliche Gehirn ist zwei Millionen Jahre alt und auf das Überleben ausgerichtet. Es bekommt Signale aus unserem vegetativen Nervensystem und sendet Befehle an unseren Körper durch zwei autonome Bereiche: dem sympathischen Nervensystem und dem parasympathischen Nervensystem.
75 Prozent der Erwachsenen geben an, dass sie sich gestresst fühlen. Unser Gehirn ist evolutionär geprägt in permanenter Alarmbereitschaft und hält nach dem Ausschau, was nicht stimmt. Unser Gehirn neigt dazu, unsere Misserfolge und unser „Versagen“ sich viel stärker einzuprägen und überzubewerten als unsere Erfolge. Die Basis hierfür liegt in unserem Überlebensinstinkt. Studien zufolge braucht uns Gehirn mit ca. 12 Sekunden einige Sekunden länger, um Positives im Bewusstsein zu speichern. Negatives hingegen setzt sich sehr viel schneller in unserem Gehirn fest.
Die Amygdala, eine mandelförmige Struktur im Gehirn, spielt eine entscheidende Rolle bei der Verarbeitung von Emotionen und der Bewertung von Bedrohungen. Sie ist ein Schlüsselakteur im Stressreaktionssystem, da sie Alarmsignale an den Hypothalamus sendet, der die Freisetzung von Stresshormonen wie Cortisol und Adrenalin auslöst. Diese Hormone mobilisieren den Körper für eine schnelle Reaktion auf die vermeintliche Gefahr und verstärken die Stressreaktion.
Stress ist ein Überlebensmodus. Psychologisch gesehen bedeutet Stress Angst vor der Zukunft oder das Bedauern von etwas Vergangenem. Stressexperten unterteilen drei Stressstadien:
- In der ersten Phase gibt es vorwiegend psychische Auswirkungen
- In der zweiten Phase gibt es verhaltensmäßige Auffälligkeiten
- In der dritten Phase zeigen sich körperliche Symptome.
Die Bedeutung von Stress und Stresssignalen im Profiling
Die verlässlichste Grundlage zum Erkennen einer Lüge sind Nervositäts- und Stresssignale und die Abweichung von der Baseline. Eine der am häufigsten angewendeten Techniken beim Lügen erkennen ist daher das Verstärken von Stress. Bei Beispiel:
Der Stress, einen Gesprächspartner zu täuschen und die Angst, erwischt zu werden, bewirken eine Straffung der Muskeln der Stimmbänder und erhöht während eines Gesprächs die natürliche Stimmhöhe. Die Muskeln der Stimmproduktion werden über den Vagusnerv (10. Hirnnerv, Teil des sozialen Nervensystems) gesteuert. Die steigende Stimmhöhe ist auch eine direkte Folge der Adrenalinausschüttung. Dieses Stresssignal wird im Profiling als Abweichung zur Baseline gemessen. Viele weitere Stressreaktionen und wie du diese erkennen kannst, findest du in unserem Profiler Buch.
Als natürliche Reaktion auf Angst oder Stress neigen Menschen dazu, nach beruhigenden Handlungen zu suchen. Im Verlauf ihres Lebens entwickeln die meisten Menschen bestimmte Gewohnheiten, die als Beruhigungsgesten dienen und zur Erkennung von Stress, Unbehagen oder Angst genutzt werden können. Diese Reaktionen haben in der Regel das Ziel, die eigene Entspannung zu fördern, indem das Gehirn den Körper dazu anweist, Handlungen auszuführen, die spezifische Nervenenden stimulieren. Dadurch werden beruhigende Endorphine im Gehirn freigesetzt, was zu einer Entspannung führt.
Ein gutes Beispiel hierfür ist der Hals, der reich an Nervenenden ist, die auf manuelle Stimulation ansprechen. Dies kann dazu führen, dass der Blutdruck gesenkt wird, der Puls sich verlangsamt und die Person sich beruhigt. Jeder Mensch hat individuelle Vorlieben für solche Beruhigungsgesten, darunter das Rauchen, das Kauen von Kaugummi, das Ausatmen mit aufgeblähten Wangen, das Lecken der Lippen oder das Spielen mit Gegenständen wie dem Richten einer Krawatte oder dem Hochziehen der Nase.
Unterschiedliche Geschlechter haben oft spezifische Präferenzen für Beruhigungsgesten. Frauen neigen beispielsweise dazu, mit ihrem eigenen Schmuck zu spielen oder ihre Hand zum Handgelenk oder in den Nacken zu bewegen. Männer hingegen bevorzugen eher Gesten wie das Berühren des Hinterkopfes oder Nackens, das Streichen mit den Fingern neben dem Mund nach unten, das Richten der Krawatte / des Hemdkragens oder das Berühren des Handgelenks der anderen Hand (wobei letzteres nur in etwa 30 Prozent der Fälle vorkommt).
Es gibt drei Hauptkategorien von Beruhigungsgesten: Selbst-Adaptoren, Objekt-Adaptoren und Fremd-Adaptoren.
Im Kontext des Profilings spielt Stress also eine zentrale Rolle, da er tiefgreifende Auswirkungen auf das Verhalten und die Reaktionen eines Menschen hat. Denn spätestens, wenn Menschen unter Stress und Druck geraten, fallen sie in ihre ureigene Persönlichkeit zurück.
Was ist Stress?
Die biologischen Mechanismen von Stress
In Stresssituationen werden urzeitliche Überlebensinstinkte aktiviert, die den Menschen dazu veranlassen, auf verschiedene Weisen zu reagieren: Angriff, Flucht oder Starre. Diese Reaktionen werden durch die Freisetzung von Stresshormonen im Gehirn und Körper gesteuert. Der Hypothalamus, ein zentraler Teil des Nervensystems, spielt dabei eine Schlüsselrolle.
Ein Hauptakteur in dieser Reaktion ist das Stresshormon ACTH, das in den Nebennierenrinden freigesetzt wird. Diese wiederum produzieren das Stresshormon Cortisol. Gleichzeitig wird Adrenalin durch ein spezialisiertes Nervensystem produziert. Diese Hormone und die Aktivierung des Sympathikus bereiten den Körper auf Kampf oder Flucht vor. Die physiologischen Auswirkungen sind vielfältig: Blutdruck und Herzschlag steigen, die Gefäße verengen sich, die Atmung beschleunigt sich, und ein starkes Hungergefühl kann auftreten. Gleichzeitig nimmt der Melatoninspiegel ab, was Schlafprobleme in stressigen Zeiten erklärt.
Stress Symptome: Die Auswirkungen von Stress auf die kognitive Funktion
Forschungen in der biologischen Psychologie haben ergeben, dass Cortisol, das während stressiger Situationen ausgeschüttet wird, die Fähigkeit zur Wissensabrufung beeinträchtigt und vorübergehend die Erinnerungs- und Leistungsfähigkeit einschränkt. In stressigen Momenten verbrauchen die Nervenzellen im Gehirn etwa 80 Prozent der gesamten Energiezufuhr, wodurch die Versorgung der Muskeln mit Glukose verringert wird und die Muskelspannung zunimmt. Dies erklärt, warum andere Körperfunktionen wie Verdauung, Appetit, Schlaf und sexuelles Verlangen während einer Stressreaktion als sekundär betrachtet und stark reduziert oder gestoppt werden.
Stress Symptome: Die Langzeitfolgen von chronischem Stress
Anhaltender Stress kann schwerwiegende Konsequenzen haben. Das Körpersystem und seine Energiereserven können sich erschöpfen, und der Körper kann die Produktion von Stresshormonen nicht mehr aufrechterhalten. Dies führt zu einem Zustand, der als „Neurostress“ bezeichnet wird und anhand von Werten wie Adrenalin und Cortisol messbar ist. Bei extremem chronischem Stress, wie im Fall des Burnouts, kann kaum noch Cortisol im Blut nachgewiesen werden. Chronischer Stress verursacht Anpassungsreaktionen im Körper und beeinflusst Denkstrukturen und Stoffwechselprozesse. Er kann auch die Telomere, die Schutzkappen an den Chromosomen, die vor Krankheit und Alterung schützen, schädigen.
Es ist wichtig zu beachten, dass diese Reaktionen oft nicht bzw. zu spät bewusst wahrgenommen werden, wenn Leidenschaft und Euphorie unser Verhalten dominieren. In solchen Momenten können Endorphine, die in unserem Gehirn freigesetzt werden, Schmerzen im Körper weniger spürbar machen. Dieses Gefühl wird oft durch den Konsum von Zucker, Alkohol oder Nikotin verstärkt, da diese Substanzen vorübergehend Zufriedenheit suggerieren.
Geschlechtsspezifische Unterschiede im Stressmanagement
Unser Stresssystem ist evolutionär geprägt und zeigt geschlechtsspezifische Unterschiede. Während Männer tendenziell auf Stress mit einer „Fight-or-Flight“-Reaktion reagieren, neigen Frauen eher dazu, sich um andere zu kümmern und soziale Verbindungen zu schaffen (bekannt als „tend and befriend“). Frauen versuchen oft, Stress durch ausreichenden Schlaf auszugleichen und haben häufig ein erhöhtes Bedürfnis, mit ihrem Partner oder Freunden zu sprechen. Männer hingegen suchen oft Ausgleich durch Sport, Ablenkung oder Entspannung bei Aktivitäten wie einem gemütlichen Bierchen.






