Du siehst eine Person mit bestimmten Merkmalen und schon hast du ein Bild von ihr im Kopf. „Sie ist bestimmt intelligent“, „er ist bestimmt sportlich“ oder „die sind bestimmt super reich“. Stereotype sind allgegenwärtig. Sie prägen unsere Wahrnehmung der Welt und beeinflussen unsere Gedanken, Gefühle und Handlungen.
Stereotype sind festgefahrene Vorurteile über bestimmte Menschen. Sie sind mentale Abkürzungen, die dabei helfen, Situationen und Menschen schnell einzuschätzen, ohne sie zeitaufwändig analysieren zu müssen. Stereotype werden im Alltag ständig verwendet. Meist genügt bereits eine einzige Eigenschaft einer Person, um auf eine Reihe anderer zu schließen.
Wissenschaftliche Studien der New Yorker Universität Princeton belegen, dass unser Unterbewusstsein in weniger als 100 Millisekunden einem uns unbekannten Gesicht bestimmte Charaktereigenschaften zuordnet und dies mit unserer neuronalen Datenbank von persönlichen Erfahrungen, Stereotypen und Sympathie abgleicht – völlig automatisch. Stimmt die Chemie zwischen uns? Kann ich der Person vertrauen? Passt der Mensch zu mir? Wir achten unbewusst auf verschiedene Signale unseres Gegenübers: Sprache, Aussehen, Geruch, Kleidung, Mimik, Gesten und Körpersprache… Nach diesen ersten wenigen Sekunden erstellt unser Gehirn ein erstes Bild von unserem Gegenüber. Unser Verstand sucht nachträglich nur noch nach Bestätigungshinweisen für unser unbewusstes Urteil, das Urteil selbst wird meist nicht revidiert.
Der erste Eindruck entsteht salso chon in den ersten 30 – 100 ms (Todorov, Pakrashi, Oosterhof, 2009), basiert auf Äußerlichkeiten (Olivola & Todorov, 2010) und Barrick, Swider und Steward (2010) zeigten, dass der erste Eindruck oft nicht mehr revidiert wird.
Definition Stereotype
Stereotype sind vereinfachte und verallgemeinerte Bilder von Gruppen von Menschen. Sie können auf Merkmalen wie Geschlecht, Alter, Herkunft, Religion, Beruf oder anderen Eigenschaften wie Frisur oder Kleidung basieren. Stereotypen neigen dazu, Komplexität zu reduzieren und Menschen in vordefinierte Kategorien zu stecken, was zu voreiligen Urteilen und falschen Annahmen führen kann. In vielen Fällen entsprechen Stereotypen nicht der Realität und können zu Ungerechtigkeiten und Diskriminierung beitragen. Stereotype entstehen durch verschiedene Faktoren, wie z.B.:
- Sozialisation: wir lernen Stereotype von unseren Eltern, Freunden, der Schule, Gesellschaft und den Medien.
- Kategorisierung: um die komplexe Welt um uns herum zu ordnen, kategorisieren wir Menschen und Dinge. Stereotype helfen uns dabei, diese Kategorien schnell und effizient zuzuordnen.
- Bedürfnis nach Sicherheit: Stereotype geben uns ein Gefühl von Sicherheit und Kontrolle, indem sie uns die Welt in „Schwarz-Weiß“ und „Gut-Böse“ einteilen.
Wortursprung
Das Wort „Stereotyp“ stammt aus dem Griechischen. Es setzt sich zusammen aus den Begriffen „stereos“ (bedeutet „fest“ oder „feststehend“) und „typos“ (bedeutet „Abdruck“ oder „Form“). Der Begriff wurde im 18. Jahrhundert geprägt und bezog sich ursprünglich auf Drucktechniken, bei denen feste, wiederholte Formen verwendet wurden. Im übertragenen Sinne wurde das Wort dann auch auf festgefahrene Vorstellungen über Gruppen von Menschen angewandt, was schließlich zur heutigen Bedeutung von Stereotypen führte. Erst im 20. Jahrhundert wurde der Begriff in die Psychologie und Sozialwissenschaften übernommen.
Wissenschaftlicher Hintergrund
Stereotype werden oft in Filmen, Serien, Werbung und Nachrichtenmedien dargestellt und können durch Eltern, Lehrer und andere Bezugspersonen vermittelt werden. Stereotype stehen in enger Verbindung mit dem menschlichen Wahrnehmungsfehler Halo Effekt (zum Artikel über kongnitive Verzerrung).
Wir neigen dazu, durch die uns bekannten Eigenschaften eines Menschen auch auf die anderen Eigenschaften dieser Person zu schließen, über die wir gar keine Informationen haben. Ausgangspunkt für den Halo-Effekt sind vor allem markante Merkmale der zu beurteilenden Person (z.B. physische Attraktivität, Behinderung, außergewöhnliche Leistungen usw.). Zusätzlich verbinden wir bestimmte Charaktereigenschaften mit verschiedenen Stereotypen. Wahrnehmungsfehler wie der Halo-Effekt sorgen dafür, dass wir voreilige und oft falsche Schlüsse ziehen. Mehrere Studien zeigten auf, dass korpulente Menschen für fauler und willensschwacher im Vergleich zu schlanken Menschen gehalten wurden (Grant, Mizzi & Anglim, 2016). Brillenträger werden generell als intelligenter eingeschätzt, obgleich es hier in puncto IQ keinerlei Zusammenhang gibt (Edwards, 1987).
Beispiele für Stereotypen
- Kompetente Gesichter helfen US-Präsidenten (Dominanz des Gesichts und Breite des Unterkiefers liefert Indizien, wer die US-Wahl gewinnt) – Menschen achten auf stereotype Kompetenzmerkmale.
- Studien zeigten, dass mildere Gerichtsurteile für freundliche „Baby Faces“ gefällt wurden.
- Je größer ein Mensch, als desto führungsstärker und kompetenter wird diese Person wahrgenommen.
- Muskulös gilt oft als abenteuerlustig, willensstark, dominant, diszipliniert.
- Physische Attraktivität gehört zu den stärksten Verzerrungen, bereits die Disney Filme prägten die verzerrte Wahrnehmung, dass hässlich gleich böse ist.
- Eine Frau in High Heels und einem Kostüm wird als Karrierefrau wahrgenommen.
- Brillenträger werden generell als intelligenter eingeschätzt.
- Korpulente Menschen werden oft für gesellig, fröhlich, friedlich, aber auch für fauler und willensschwacher im Vergleich zu schlanken Menschen gehalten.
Es gibt viele Stereotype, die sich auf verschiedene Gruppen von Menschen beziehen, wie z. B.:
Nationale Stereotype
- Deutsche: pünktlich, effizient, humorlos, ängstlich
- Franzosen: romantisch, modebewusst, arrogant, frei
- Amerikaner: freundlich, gesprächig, oberflächlich, konsumorientiert
- Italiener: leidenschaftlich, temperamentvoll, chaotisch, modebewusst
Geschlechtsspezifische Stereotype
- Männer: stark, rational, unabhängig
- Frauen: emotional, einfühlsam, familienorientiert
Berufsspezifische Stereotype
- Ärzte: intelligent, kompetent, überarbeitet
- Künstler: kreativ, nicht praktisch veranlagt, chaotisch
- Programmierer: introvertiert, sozial ungeschickt, intelligent
- Schornsteinfeger: Glücksbringer, freundlich, fröhlich
- Polizisten: autoritär, streng, mutig
- Lehrer: geduldig, wissend, altmodisch
- Anwälte: streitsüchtig, geldgierig, manipulativ
- Manager: gestresst, ehrgeizig, karriereorientiert
Altersbezogene Stereotypen
- Ältere Menschen sind technisch nicht versiert
- Jugendliche sind faul und rebellisch
- Mit zunehmendem Alter nimmt die geistige Leistungsfähigkeit ab
Gefahr der Stereotypisierung
Meist kommen zum Stereotyp negative Bewertungen hinzu. Stereotype können negative Folgen haben, sowohl für die betroffenen Personen als auch für die Gesellschaft insgesamt. Sie können zu:
- Vorurteilen: Menschen werden aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit negativ bewertet, ohne dass sie als Individuen betrachtet werden.
- Diskriminierung: Menschen werden aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit benachteiligt oder ausgegrenzt.
- Selbststereotype: Mitglieder einer Gruppe verinnerlichen negative Stereotype und passen ihr Verhalten dementsprechend an.
- Leistungseinbussen: Die Angst, ein Stereotyp zu erfüllen, kann zu Leistungseinbussen führen (Stereotype Threat).
- Falsche Urteile: Stereotype führen dazu, dass wir Menschen aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit beurteilen, anstatt sie als Individuen zu betrachten.
- Selbst erfüllende Prophezeiung: Stereotype können sich selbst erfüllen, indem sie das Verhalten der Menschen beeinflussen. Wenn z.B. erwartet wird, dass Mädchen gut in Sprachen sind, werden sie sich in diesem Bereich wahrscheinlich besser entwickeln (siehe auch Pygmalion-Effekt).
Stereotypen im Profiling
Im modernen Profiling verzichten wir auf Stereotypisierungen. Mit den richtigen Profiling-Techniken kommen wir von subjektiven Vorannahmen und Vorurteilen zu objektiven Analysekriterien. Einen Überblick, wie du Profiler werden kannst und deine Menschenkenntnis professionalisierst, findest du hier in unserer Kursübersicht.





