Die sozial-kognitive Lerntheorie, auch als sozial-kognitive Theorie (SCT) bekannt, ist eine soziale Lerntheorie (SLT), die in den 1960er Jahren von dem bekannten Stanford-Psychologieprofessor Albert Bandura entwickelt wurde. Die sozial-kognitive Lerntheorie beschreibt insbesondere die Prozesse des Beobachtungslernens und des Modellierens sowie den Einfluss der Selbstwirksamkeit auf die Entstehung von Verhalten. Diese Lerntheorie wurde 1986 zur SCT weiterentwickelt und geht davon aus, dass Lernen in einem sozialen Kontext mit einer dynamischen und wechselseitigen Interaktion von Person, Umwelt und Verhalten stattfindet. Die sozial-kognitive Theorie beschreibt den Einfluss individueller Erfahrungen, des Handelns anderer und von Umweltfaktoren auf das individuelle Gesundheitsverhalten.

So kann zum Beispiel jedes erlebte Verhalten die Denkweise (Kognition) eines Menschen verändern. Ebenso kann das Umfeld, in dem man aufwächst, das spätere Verhalten beeinflussen, so wie die Denkweise eines Elternteils (ebenfalls Kognition) das Umfeld bestimmt, in dem seine Kinder aufwachsen.

Der Lernprozess kann nach Bandura auf drei verschiedene Arten geschehen:

  • durch direkte Erfahrung (Konditionierungslernen)
  • durch symbolische Erfahrung (Instruktionslernen)
  • durch stellvertretende Erfahrung (Modelllernen)

Zu den wichtigsten Komponenten der Sozial-kognitive Lerntheorie in Bezug auf individuelle Verhaltensänderungen gehören:

  • Selbstwirksamkeit: Die Überzeugung, dass eine Person die Kontrolle über ein Verhalten hat und in der Lage ist, es auszuführen.
  • Verhaltenskompetenz: Das Verständnis und die Fähigkeit, ein Verhalten auszuführen.
  • Erwartungshaltung: Die Festlegung der Ergebnisse einer Verhaltensänderung.
  • Bewertungen: Den Ergebnissen der Verhaltensänderung einen Wert zuweisen.
  • Selbstbeherrschung: Regulierung und Überwachung des individuellen Verhaltens.
  • Lernen durch Beobachtung: Der Prozess des Erlernens erwünschter und unerwünschter Verhaltensweisen durch Beobachtung anderer und die anschließende Wiederholung der erlernten Verhaltensweisen, um die Belohnungen zu maximieren. Der Glaube des Einzelnen an seine eigene Selbstwirksamkeit beeinflusst, ob er ein beobachtetes Verhalten reproduzieren wird oder nicht.
  • Verstärkungen: Förderung von Anreizen und Belohnungen, die eine Verhaltensänderung begünstigen.

Bandura behauptete, dass Menschen durch Beobachtungslernen, bei dem sie Modelle, denen sie in ihrer Umgebung begegnen, beobachten und nachahmen, viel schneller Informationen erwerben können.

Die Theorie besagt, dass Menschen, die ein Modell bei der Ausführung eines Verhaltens und dessen Folgen beobachten, sich an die Abfolge der Ereignisse erinnern und diese Informationen nutzen, um nachfolgende Verhaltensweisen zu steuern. Die Beobachtung eines Modells kann den Betrachter auch dazu veranlassen, ein bereits erlerntes Verhalten zu zeigen. Mit anderen Worten: Menschen lernen neue Verhaltensweisen nicht nur, indem sie sie ausprobieren und entweder Erfolg haben oder scheitern, sondern das Überleben der Menschheit hängt von der Nachahmung der Handlungen anderer ab. Je nachdem, ob Menschen für ihr Verhalten belohnt oder bestraft werden, und je nachdem, was das Ergebnis des Verhaltens ist, entscheidet sich der Beobachter für die Nachahmung des vorbildlichen Verhaltens. Die Medien bieten Modelle für eine große Anzahl von Menschen in vielen verschiedenen Umgebungen.

Social Proof

Das Prinzip des Bobachtens und Nachahmens ist vielseits bekannt. Forschungen zeigen, dass wir am häufigsten die Gewohnheiten von drei Gruppen nachahmen: den uns Nahestehenden (Freunde, Familie etc.), der Mehrheit, den Mächtigen. Der psychologische Begriff Social Proof beschreibt das Phänomen, dass man etwas tut oder konsumiert, nur weil andere es ebenfalls tun. Z.B. geht man eher in ein gut gefülltes Restaurant als in eines, in dem kein anderer Gast sitzt. Auch die Anzahl an Followern und Likes lassen uns Rückschlüsse zum jeweiligen Social Media Profil ziehen.

Gesellschaftliche Normen zählen zu den stärksten Einflüssen auf das menschliche Verhalten. Meist gilt der Grundsatz: je näher uns eine Person steht, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass wir das Verhalten dieser Person nachahmen. In einer eindrucksvollen Studie wurden 32 Jahre lang 12.000 Menschen begleitet und am Ende festgestellt, dass „die Wahrscheinlichkeit, dass jemand fettleibig wird, um 57 Prozent stieg, wenn ein Freund oder eine Freundin dieser Person ebenfalls fettleibig wurde“. Eine andere Studie bestätigte: wenn in einer Beziehung der eine abnahm, verlor in einem Drittel der Fälle auch der andere an Gewicht. Der US-Forscher Lee Robins zeigte in einer Studie beispielsweise, dass Suchterkrankungen spontan verschwinden können, wenn sich das Umfeld radikal ändert. Das Prinzip der Nachahmung fängt mit unserer Geburt an. Aus der anfänglichen Imitation wird die spätere Identifikation. „Kinder machen nicht das, was wir sagen, sondern das, was wir tun“, so der bekannte dänische Familientherapeut Jesper Juul.

Bobo Doll Study Verhaltensexperimente

In den 1960er Jahren führte Albert Bandura zusammen mit seinen Kolleg*innen zahlreiche Studien Studien zum Beobachtungslernen durch. Eines der bekanntesten Studien sind die so genannten Bobo-Puppen-Experimente (Bobo Doll Study). Im ersten dieser Experimente wurden Vorschulkinder einem aggressiven oder nicht-aggressiven erwachsenen Modell ausgesetzt, um zu sehen, ob sie das Verhalten des Modells nachahmen würden.

In der aggressiven Bedingung dieser Studie beobachteten Vorschulkinder Erwachsene, wie diese eine große Clownpuppe aus Plastik namens Bobo gestossen, geschlagen, getreten und verbal attackiert hatten. Nach diesem ersten Teil wurde das jeweilige Kind in einen anderen Raum gebracht, wo es mit einer Auswahl sehr attraktiver Spielzeuge spielen konnte. Um die Teilnehmer zu frustrieren, wurde das Spiel des Kindes nach etwa zwei Minuten unterbrochen. Dann wurde das Kind in einen dritten Raum gebracht, der mit verschiedenen Spielzeugen gefüllt war, darunter auch eine Bobo-Puppe, mit der es die nächsten 20 Minuten spielen durfte.

Die Forscher fanden heraus, dass die Kinder in der aggressiven Gruppe viel häufiger verbale und körperliche Aggressionen zeigten, einschließlich Aggressionen gegenüber der Bobo-Puppe und anderen Formen der Aggression. Außerdem neigten Jungen eher zu Aggressionen als Mädchen, vor allem, wenn sie einem aggressiven männlichen Vorbild ausgesetzt gewesen waren.

In einem weiteren Experiment gab es eine zweite Gruppe, die einen Film mit dem aggressiven Modell sah, sowie eine dritte Gruppe, die einen Film mit einer aggressiven Zeichentrickfigur sah. Auch hier wurde das Geschlecht des Modells variiert und die Kinder wurden einer leichten Frustration ausgesetzt, bevor sie zum Spielen in den Versuchsraum gebracht wurden. Wie im vorangegangenen Experiment zeigten die Kinder in den drei aggressiven Bedingungen mehr aggressives Verhalten als die Kinder in der Kontrollgruppe, wobei Jungen in der aggressiven Bedingung mehr Aggression zeigten als Mädchen.

Eine der daraus abgeleiteten Kernaussagen war, dass die Gewaltdarstellung in den Medien die Toleranz gegenüber Aggression im echten Leben erhöht.

Beobachtungslernen

Albert Bandura unterschied vier potenzielle Effekte des Beobachtungslernens:

  • Modellierender Effekt (Modelllernen): Erwerb neuer Verhaltensweisen.
  • Hemmender Effekt: Unterdrückung eines bereits gelernten Verhaltens.
  • Enthemmender Effekt: Verstärkung eines bereits gelernten Verhaltens.
  • Auslösender Effekt: Auslösung eines bereits verfügbaren Verhaltens in neuen Kontexten oder veränderter Ausprägung.

Dr. Gio Valiante

Der Sportpsychologe hat Dr. Gio Valiante hat das Modell der sozial kognitiven Theorie (SCT) als erster zunächst auf den Profi-Sport bei Profi-Golfern, später auch auf die Finanzwelt der Wall Street übertragen. Mithilfe der SCT entwickelte er eines der weltweit erfolgreichsten High Performance Coaching Systeme.

NLP Modelling of Excellence

Das Beobachtungslernen ist auch im NLP als Modelling of Excellence bekannt. Tony Robbins, einer der erfolgreichsten Coaches der Welt, spricht von drei Elementen, um die Meisterschaft zu erreichen:

1. Modellieren eines Vorbildes, sich also abgucken, wie es die Besten ihres Fachs machen. Beim Modelling, auch bekannt als Modelling of Excellence, beobachtet man, was erfolgreiche Menschen besonders gut machen. Wichtig ist, dass jeder seinen eigenen Stil behält bzw. finden muss. Es geht also keinesfalls ums Kopieren, sondern Modellieren, also die Methoden, Techniken und Verhaltensweisen auf die eigene Person anpassen.

2. Totales Eintauchen (Sprechweise, Körpersprache, Bewegungen usw. von den Vorbildern übernehmen und sich damit voll identifizieren).

3.  Wiederholung bis zur Perfektion bzw. Meisterschaft.

Jeder Mensch nutzt Strategien für Entscheidungen, Problemlösung, Kreativität, Essen, sportliche Betätigung, Motivation, Kommunikation und jede Art von zielgerichteten Verhalten. Strategien sind grundsätzlich von außen erkennbar, so dass man als Beobachter die Möglichkeit hat, die Strategie eines Experten zu ermitteln, um diese dann in Zukunft selbst anwenden zu können. Strategien sind die Grundlage für „Modelling of Excellence“, also dem Modellieren von Spitzenleistungen. Die Grundannahme vom NLP Modelling lautet: „Was ein Mensch kann, kann grundsätzlich jeder Mensch lernen“. Ein Teil des Wissenserwerbs eines Individuums ist also direkt auf die Beobachtung anderer im Kontext sozialer Interaktionen, Erfahrungen und äußerer Medieneinflüsse zurückzuführen.

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