Unsere Welt ist nicht die Realität, sondern unsere ganz persönliche Interpretation davon. Was wir wahrnehmen, ist stark von unserer selektiven Wahrnehmung beeinflusst. Wie ein Filter lassen wir nur bestimmte Informationen durch, während andere ignoriert werden.

Wie funktioniert selektive Wahrnehmung?

Unser Gehirn ist ständig mit einer Flut von Informationen bombardiert. Es wäre schlichtweg unmöglich, all diese Reize gleichzeitig zu verarbeiten. Deshalb filtert unser Gehirn unbewusst die wichtigsten Informationen heraus und blendet unwichtige aus. Diese Filterung basiert auf verschiedenen Faktoren, wie zum Beispiel:

  • Unsere Interessen und Bedürfnisse: wir nehmen Dinge wahr, die für uns relevant sind. Wenn wir zum Beispiel ein neues Auto kaufen möchten, werden wir plötzlich überall Autos dieser Marke sehen.
  • Unsere Erwartungen: wir sehen das, was wir erwarten zu sehen. Wenn wir davon überzeugt sind, dass Menschen in Großstädten unfreundlich sind, werden wir eher negative Erfahrungen in dieser Umgebung machen.
  • Unsere Emotionen: Wenn wir emotional aufgeladen sind, nehmen wir die Welt anders wahr. Zum Beispiel nehmen wir in einer stressigen Situation Gefahren schneller wahr. Und wenn wir in Eile sind, werden wir vermutlich andere Menschen oder Autofahrer*innen als tendenziell langsam wahrnehmen.

Unser Gehirn kann also nie alle Aspekte gleichzeitig durch unsere Sinne wahrnehmen. Von den 100 Prozent unserer Sehnerven haben nur 17 Prozent eine Verbindung zur Außenwelt. 83 Prozent sehen im strengen Sinne gar nichts, sondern sind Rückkopplungsschleifen im Gehirn. Es findet folglich keine lineare Wahrnehmung vom Außen ins Innen statt, sondern wir erzeugen selektiv unsere Wahrnehmung von Innen heraus. Unser Gehirn ist darauf ausgelegt, Voraussagen zu treffen und uns zu schützen. Das Bild unserer Realität ist nach neuesten neurowissenschaftlichen Erkenntnissen stark von unseren Erwartungen geprägt. Dabei greift unser Gehirn auf frühere Erfahrungen zurück und leitet daraus Vorhersagen ab, was wohl als Nächstes passieren wird. Das Gehirn nutzt die riesige Datenbank des Unterbewusstseins, in der Wissen, Erfahrungen, instinktive und erlernte Verhaltensmuster gespeichert sind und durch äußere Reize abgerufen werden können. Unser Gehirn analysiert die gegenwärtigen Sinneswahrnehmungen nicht neu, sondern vergleicht diese mit dem in der Vergangenheit erlernten Wissen, Handeln und Verhalten. Aus den Abweichungen leitet es die wahrscheinlichste Prognose für die Gegenwart und Zukunft ab. Ein nützlicher Automatismus, der im Profiling aber ohne die richtigen Techniken zu falschen Schlussfolgerungen führen kann.

Welche Auswirkungen hat selektive Wahrnehmung?

Selektive Wahrnehmung kann sowohl positive als auch negative Auswirkungen haben. Positiv ist, dass sie uns hilft, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren, schnell Reaktionsfähig zu sein und nicht von unwichtigen Informationen überflutet zu werden. Negativ ist, dass sie zu Vorurteilen, falscher Wahrnehmung und Fehlern führen kann. Wenn wir nur Informationen wahrnehmen, die unsere Meinung bestätigen, werden wir schnell in einer Filterblase gefangen.

Der Aufmerksamkeitsfehler, beschreibt, dass wir Dinge und Informationen nur sehr selektiv und nach unserer eignen Aufmerksamkeitspräferenz wahrnehmen. Bekannte und lustige Beispiele sind das Gorilla-Experiment und der Colour Changing Card Trick.

Stroop Effekt

Stell dir vor, du siehst das Wort „ROT“ in blauer Schrift. Was fällt dir zuerst ein?

Die meisten Menschen würden sagen „rot“, denn die Farbe des Wortes zu benennen, ist in diesem Fall schwieriger als es scheint. Der Grund dafür ist der sogenannte Stroop Effekt. Der Stroop Effekt ist ein Paradebeispiel für selektive Wahrnehmung.

Blau Gelb Rot Schwarz Lila - Stroop Effekt - Experiment Stroop Effect Der Stroop Effekt ist ein Phänomen, bei dem die Benennung der Farbe eines Wortes, wenn das Wort selbst den Namen einer anderen Farbe trägt, langsamer und fehleranfälliger ist. Dieser Effekt zeigt die kognitive Interferenz zwischen der automatischen Verarbeitung von Wortbedeutung und der bewussten Verarbeitung von Farbe. In unserem Beispiel dauert es länger, „blau“ zu sagen, wenn das Wort „ROT“ in blauer Schrift steht.

Der Stroop Effekt tritt auf, weil unser Gehirn zwei Prozesse gleichzeitig ausführen muss:

  • Automatisches Lesen: sobald wir ein Wort sehen, wird es automatisch in unserem Gehirn gelesen und die Bedeutung verarbeitet.
  • Kontrolliertes Benennen der Farbe: die Farbe des Wortes zu benennen ist ein kontrollierter Prozess, der bewusste Aufmerksamkeit erfordert.

Beim Stroop Effekt stehen diese beiden Prozesse im Konflikt miteinander. Das automatische Lesen des Wortes „ROT“ stört den kontrollierten Prozess der Benennung der Farbe „blau“. Der Stroop Effekt zeigt, wie unsere selektive Wahrnehmung unsere kognitive Leistung beeinflussen kann. In diesem Fall lenkt die automatische Verarbeitung der Wortbedeutung unsere Aufmerksamkeit von der Farbe des Wortes ab.

Der Stroop-Effekt und die selektive Wahrnehmung anderer Menschen

Der Stroop-Effekt kann auch deine Wahrnehmung und Beurteilung anderer Menschen beeinflussen. Wenn du zum Beispiel eine Person mit einem bestimmten Attribut assoziierst, kann dies deine Wahrnehmung ihrer Eigenschaften und ihres Verhaltens beeinflussen.

Beispiel: Stell dir vor, du siehst eine Person, die ein Fußballtrikot trägt. Wenn du Fußballfans im Allgemeinen oder Fans dieses Fußballclubs im Speziellen als laut und aggressiv wahrnimmst, könntest du diese Person schneller als extrovertiert und impulsiv wahrnehmen, als wenn sie normale Kleidung tragen würde.

Ursache: Der Stroop-Effekt tritt in diesem Fall auf, weil die automatische Aktivierung deiner Assoziation („Fußballfans sind laut“) den kontrollierten Prozess der Informationsverarbeitung („diese Person trägt ein Fußballtrikot“) stört.

Auswirkungen: Der Stroop-Effekt kann zu Vorurteilen und Fehlern in der Beurteilung anderer Menschen führen. Wenn du dir deiner Assoziationen und der Möglichkeit des Stroop-Effekts nicht bewusst bist, kannst du Menschen fälschlicherweise negativ bzw. falsch beurteilen. Umso wichtiger ist das Erlernen professioneller Profiling-Techniken.

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