Was ist Moral?
Moral Foundations Theory. Hinter dem Streben, sich „gut“ und „richtig“ zu verhalten, steht der moralische Anspruch, ein guter Mensch zu sein. Doch was genau ist Moral? Der irische Schriftsteller Samuel Beckett schrieb einst: „Moralisten sind Menschen, die sich dort kratzen, wo es andere juckt.“ Siegmund Freud sagte, „das Unbewusste ist viel moralischer, als das Bewusste wahrhaben will.“ Und Bertolt Brecht war sich sicher, „erst kommt das Fressen, dann die Moral.“
Früher war Moral das Feld der Philosophen und Theologen. Heute widmen sich der Moral Wissenschaftler aus Evolutionstheorie, Genetik, Biologie, Tierverhalten, Psychologie und Anthropologie. Die Moralpsychologie entmystifiziert die Moral und kommt zunehmend zu dem Schluss, dass diese eine Sammlung biologischer und kultureller Merkmale ist, die die Zusammenarbeit fördern. Während Moral die jeweiligen Werte und Normen an sich meint, bezeichnet Ethik die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Frage nach gut und falsch. Moral ist evolutionsbedingt in uns verankert, bereits Primaten und andere Säugetiere zeigen prosoziales Verhalten. Die Wissenschaft geht davon aus, dass unsere Erziehung und Sozialisation (u.a. durch Religion) eine wichtige Rolle bei der Moralentwicklung spielen. Doch auch Nähe und Verbundenheit sowie die eigene Persönlichkeit spielen bei dem moralischen Verhalten eine wichtige Rolle. So findet Moral in Psychopathie, Narzissmus und Machiavellismus keine Bedeutung, während sich die meisten Menschen aller Wahrscheinlichkeit nach moralischer verhalten, je emotional verbundener und näher wir uns jemandem fühlen.
Gesellschaftlich werden oft Gier, Lügen und Egoismus verurteilt und als unmoralisch empfunden. Bei dem Lügen spielt unsere individuelle Moralvorstellung eine große Rolle. Finden wir es z.B. moralischer, jemanden zu belügen, der dick in einem neuen Kleidungsstück aussieht, oder ihm bzw. ihr die Wahrheit zu sagen? Unser moralisches Empfinden und Verhalten kann sich dabei auch je nach Umfeld, Bereich und Anforderung unterscheiden. So kann es vorkommen, dass wir eine andere Arbeitsmoral haben als unser moralischer Anspruch in Beziehungen.
Die Emotion „Verachtung“ ist beispielsweise eine Art Schutzfunktion unseres Egos, wir stellen uns moralisch über eine andere Person. Dieses Element der Hierarchie führt dazu, dass wir auf den anderen herabschauen. Das zeigt, dass moralisches Handeln und Empfinden auch kulturabhängig ist und mit den unterschiedlichen Umgangsformen, Werten, Sitten und Gebräuche zusammenhängen.
Die Theorie der moralischen Grundlagen von Jonathan Haidt ist eine psychologische Theorie, die zu erklären versucht, warum sich Moralvorstellungen zwar unterscheiden, aber dennoch grundlegende Merkmale aufweisen.
Jonathan Haidt
Der bekannteste Vertreter der Moralpsychologie ist Jonathan Haidt. In seinem bahnbrechenden Buch The Righteous Mind versucht Professor Jonathan Haidt, einen Rahmen zu entwickeln, den er Moral Foundations Theory (MFT) nennt. Haidt vertritt die Auffassung, dass der Mensch sechs moralische Grundlagen hat, durch die er Politik und Grundsätze betrachtet:
- Fürsorge / Schaden
- Fairness / Betrug
- Loyalität / Verrat
- Autorität / Unterwerfung
- Heiligkeit / Zerstörung
- Freiheit / Unterdrückung
Die Moral Foundations Theory geht davon aus, dass jeder von uns mit einer sogenannten „intuitiven Ethik“ ausgestattet ist, d. h. mit einer angeborenen Fähigkeit, bestimmte menschliche Verhaltensmuster zu befürworten oder zu missbilligen. Diese unbewussten und automatischen Intuitionen spiegeln vorverdrahtete Reaktionen wider, zu denen wir uns entwickelt haben.
Moraltheorie nach Jonathan Haidt
Die Moral Foundations Theory (MFT) nach Haidt besagt: „moralische Systeme sind ineinander greifende Gruppen von Werten, Tugenden, Normen, Praktiken, Identitäten, Institutionen, Technologien und gewachsenen psychologischen Mechanismen, die zusammenwirken, um Egoismus zu unterdrücken oder zu regulieren und ein kooperatives soziales Leben zu ermöglichen„. Und die Moral Foundations Theory argumentiert weiter, dass die Menschen, da sie mit vielfältigen sozialen Problemen konfrontiert sind, vielfältige moralische Werte haben – sie stützen sich auf mehrere „Grundlagen“, wenn sie moralische Entscheidungen treffen. Zu diesen Grundlagen gehören: Fürsorge, Fairness, Loyalität, Autorität und Reinheit. Einige politische Ideologien beruhen auf der Grundlage von Fürsorge / Schaden, während andere auf Loyalität / Verrat beruhen. Manche Menschen empfinden Fairness im Sinne von Gleichheit, andere im Sinne von Verhältnismäßigkeit. Manche Menschen bevorzugen salzige Speisen, andere süße.
Moral Foundations Theory (MFT)
Die Moral Foundations Theory geht davon aus, dass Menschen in der Regel automatische und intuitive moralische Urteile generieren, die sie erst rückwirkend mit Argumenten absichern. Um die Moral Foundations Theory zu erläutern, stützt sich Jonathan Haidt auf die Metapher von einem Reiter auf einem Elefanten. Der Mensch im Sattel repräsentiert dabei das rationale Denken, die Vernunft, und er existiert in der Illusion, er habe das Sagen und führe das Kommando. Tatsächlich aber ist der Elefant der Chef. Das riesige Tier symbolisiert das intuitive Denken, die von Affekten und Emotionen angetriebenen mentalen Prozesse. Es geht bei unseren Entscheidungen also nicht um „Wahrheit“. Es geht vielmehr darum zu legitimieren bzw. um das Gefühl, recht zu haben.
Wir alle sind mit den fünf moralischen Modulen vorprogrammiert. Jedes dieser Module kann jedoch durch Faktoren wie unsere Persönlichkeit, unser Umfeld und unsere Erfahrungen entweder verstärkt oder abgeschwächt werden. Dies führt zu unterschiedlichen moralischen und politischen Ansichten in verschiedenen Kulturen und innerhalb einer Kultur.
- Fürsorge vs. Leid: Das Leiden der anderen, einschließlich der Tugenden der Fürsorge und des Mitgefühls. Der „Elefant“ reagiert mit Mitgefühl oder gar Empathie, wenn er leidende Menschen in Not sieht.
- Fairness vs. Betrug (Opportunismus): Unfaire Behandlung, Betrug und abstraktere Vorstellungen von Gerechtigkeit und Rechten. Ausgelöst wird diese, wenn Menschen andere ausnutzen, jemanden hintergehen oder täuschen. Hier stehen als Emotionen wie Ärger, Dankbarkeit und Schuld im Vordergrund.
- Loyalität vs. Verrat: Die „Verpflichtungen der Gruppenzugehörigkeit“, einschließlich „Selbstaufopferung und Wachsamkeit gegenüber Verrat“. Der „Elefant“ wird aktiv, wenn der Zusammenhalt einer Gruppe oder einer Mannschaft gefährdet ist, weil zum Beispiel einige Mitglieder zu desertieren drohen. Hier geht es also um Emotionen wie Stolz auf die Gruppe, Zorn gegenüber Verrätern.
- Autorität vs. Unterwerfung: Soziale Ordnung und die Verpflichtungen, die sich aus hierarchischen Beziehungen ergeben, wie z.B. Gehorsam, Respekt und die Erfüllung von rollenbasierten Pflichten. Hier geht es darum, Hierarchien zu schützen bzw. infrage zu stellen. Relevante Emotionen sind hier: Furcht, Respekt oder Reaktanz („Widerstand“).
- Reinheit vs. Verschmutzung: Körperliche und geistige Ansteckung, einschließlich der Tugenden der Keuschheit, Ganzheitlichkeit und Beherrschung der Begierden“. Diese Säule wird von Verschmutzung ausgelöst, von Krankheit oder auch Tabubrüchen. Im Mittelpunkt steht hier die Emotion Ekel.
Umfeld und Kultur
„Wir sind der Durchschnitt der fünf Menschen, mit denen wir uns am meisten umgeben“, sagte Motivationstrainer und Autor Jim Rohn. Typischerweise bestimmt unser Umfeld unseren Standard: dass, was alle machen, wird zur Regel. Mit wem wir Zeit verbringen, zu dem werden wir. Am häufigsten ahmen wir die Gewohnheiten von drei Gruppen nach: den uns Nahestehenden (Freunde, Familie etc.), der Mehrheit, den Mächtigen. Der psychologische Begriff „Social Proof“ beschreibt das Phänomen, dass man etwas tut oder konsumiert, nur weil andere es ebenfalls tut. Gesellschaftliche Normen zählen zu den stärksten Einflüssen auf das menschliche Verhalten. Meist gilt der Grundsatz: je näher uns eine Person steht, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass wir das Verhalten dieser Person nachahmen.





