Das psychologische Experiment des US-Psychologen Stanley Milgram aus dem Jahr 1961
Das Milgram-Experiment ist ein psychologisches Experiment des US-Psychologen Stanley Milgram, das erstmals 1961 in New Haven, Connecticut durchgeführt wurde. Mit dem Experiment sollte untersucht werden, inwieweit Menschen bereit sind, einer Autorität zu gehorchen, auch wenn dies mit der Schädigung einer anderen Person verbunden ist. Schon oft fragten sich Menschen und Wissenschaftler weltweit, wie in Deutschland zur Zeit des Nationalsozialismus so viele „normale“ Menschen die Massenermordung von Millionen Juden direkt oder durch stillsch-weigende Hinnahme unterstützen konnten.
Milgram untersuchte in seinem Experiment, welche Macht Autorität auf Menschen hat. Sein Experiment erforschte die Bereitschaft zufällig ausgewählter Personen, autoritären Anweisungen auch dann zu folgen, wenn diese in direktem Widerspruch zu ihrem Gewissen stehen. Die Probanden nahmen offiziell an einer Studie der Yale-Universität zum Thema „Lernen und Gedächtnis“ zur Ermittlung des Zusammenhangs von Bestrafung und Lernerfolg teil. Geleitet wurde diese Studie von einem wissenschaftlichen Mitarbeiter der Universität in einem weißen Kittel (Autoritätsperson).
Der jeweilige Proband sollte nun einer anderen Person, die in Wahrheit eine Testperson aus dem Forscherteam war, insgesamt 30 Wortpaare vorlesen, die diese Person sich merken und richtig wiedergeben sollte. Schaffte die Person dies nicht, hatte der Proband die Anweisung, die andere Person mit einem Stromschlag zu bestrafen. Mit jedem weiteren Fehler wurde die Voltzahl der Stromschläge von 15 V bis maximal 450 V jeweils um 15 V zunehmend erhöht. Die Elektroschocks selbst sowie die Reaktion der bestraften Person waren natürlich nur gespielt, das eigentliche Experiment bestand darin, ob Menschen dazu bereit sind, einer ihr unbekannten und unschuldigen Person Stromschläge bis zu 450 Volt zu verabreichen und dies ohne wirklichen Grund, sondern nur, weil eine Autoritätsperson dies sagt.
Die Autoritätsperson gab bei Zweifeln, Unsicherheiten oder dem Wunsch des Probanden, das Experiment abzubrechen, jeweils eine von vier Standardantworten:
„Bitte fahren Sie fort!“ / „Bitte machen Sie weiter!“
„Das Experiment erfordert, dass Sie weitermachen“
„Sie müssen unbedingt weitermachen!“
„Sie haben keine Wahl, Sie müssen weitermachen!“
Der Versuchsleiter versicherte, die volle Verantwortung zu übernehmen.
Bis zum Milgram-Experiment hatte man angenommen, jeder klar denkende und psychisch gesunde Mensch würde das Experiment sofort abbrechen. Doch sage und schreibe 62,5% der insgesamt 1.000 Probanden verabreichten der anderen Person die maximale Voltzahl von 450 V und nahmen die Schmerzschreie in Kauf, obwohl dies im krassen Widerspruch zu deren Gewissen stand und es weder besondere Anreize noch eine Strafandrohung bei Verweigerung gab. Und sogar 100% der Probanden waren bereit, bis zu 250 V zu gehen. Milgram selbst sagte zu diesem Experiment:
„Ich habe ein einfaches Experiment an der Yale-Universität durchgeführt, um herauszufinden, wie viel Schmerz ein gewöhnlicher Mitbürger einem anderen zufügen würde, einfach, weil ihn ein Wissenschaftler dazu aufforderte. Starre Autorität stand gegen die stärksten moralischen Grundsätze der Teilnehmer, andere Menschen nicht zu verletzen, und obwohl den Testpersonen die Schmerzensschreie der Opfer in den Ohren klangen, gewann in der Mehrzahl der Fälle die Autorität. Die extreme Bereitschaft von erwachsenen Menschen, einer Autorität fast beliebig weit zu folgen, ist das Hauptergebnis der Studie, und eine Tatsache, die dringendster Erklärung bedarf“.
Dieses Experiment wurde x-fach wiederholt und verifiziert, zuletzt im Jahr 2018. Immer kamen die Studien zu vergleichbaren Ergebnissen. Das Experiment legt nahe, dass Menschen oft bereit sind, Autoritätspersonen zu gehorchen, selbst wenn dies im Widerspruch zu ihren eigenen moralischen oder ethischen Grundsätzen steht.
„Ich beobachtete, wie ein reifer und anfangs ausgeglichener Geschäftsmann lächelnd und zuversichtlich das Labor betrat. Innerhalb von 20 Minuten verwandelte er sich in ein zuckendes, stotterndes Wrack, das sich rasch einem Nervenzusammenbruch näherte. Er zog ständig an seinem Ohrläppchen und verdrehte seine Hände. Einmal schlug er sich die Faust in die Stirn und murmelte: „Oh Gott, lass uns aufhören“. Und doch reagierte er weiterhin auf jedes Wort des Versuchsleiters und gehorchte bis zum Schluss.“
Stanley Milgram, 1963 (Wortman, 1999)
Psychologische Mechanismen: Gehorsam und Autorität
Das Milgram-Experiment liefert entscheidende Erkenntnisse darüber, wie tief verankert Gehorsam gegenüber Autorität in der menschlichen Psychologie ist. Die Reaktionen der Teilnehmer zeigen, dass der Druck, autoritären Anweisungen zu folgen, so stark sein kann, dass er moralische Bedenken überschattet. Studien haben gezeigt, dass Menschen in Anwesenheit einer Autoritätsperson ihre Eigenverantwortung oft aufgeben und die Verantwortung für ihr Handeln an die autoritäre Instanz abgeben. Diese „Delegation der Verantwortung“ ist ein zentraler Mechanismus, der erklärt, warum Individuen bereit sind, Handlungen auszuführen, die ihren moralischen Überzeugungen widersprechen.
Die Rolle der „situativen Faktoren“ im Milgram-Experiment
Ein wesentlicher Aspekt des Milgram-Experiments ist die Bedeutung situativer Faktoren. Der wissenschaftliche Kontext, die Präsenz einer Autoritätsperson im Laborkittel und die schrittweise Eskalation der Stromstöße beeinflussten die Bereitschaft der Probanden zum Gehorsam maßgeblich. Diese situativen Einflüsse zeigen, wie stark Konformität und soziale Umgebung das Verhalten in kritischen Situationen prägen. Die Erkenntnis, dass situative Faktoren eine ebenso starke Rolle wie persönliche Überzeugungen spielen können, ist zentral in der Sozialpsychologie und erklärt teilweise, wie Menschen unter bestimmten Umständen ihre moralischen Grenzen überschreiten.





