Cognitive Bias – kognitive Verzerrungen im Alltag

Kognitive Verzerrung

Als kognitive Verzerrungen bezeichnet man systematisch auftretende Denk- und Wahrnehmungsfehler, die menschliche Entscheidungen, das Erinnern sowie unser Urteilen beeinflussen. Im Englischen als cognitive bias bezeichnet, bedeutet kognitive Verzerrung auf Deutsch so viel wie Befangenheit, Vorurteil, Neigung.

Cognitive Bias

Cognitive bias beschreibt die systematische fehlerhafte Neigungen beim Wahrnehmen, Erinnern, Denken und Urteilen. Wir sehen die Situationen also meist nicht so, wie sie ist, sondern durch unseren einprogrammierten Wahrnehmungsfilter. Unsere Erwartungen prägen unsere Wahrnehmung stärker als unsere Empfindungen. Vieles, was wir erleben, wird uns nicht bewusst, sondern im Unbewussten vorgefiltert oder abgefangen – meist um bestimmte Vorgänge zu automatisieren. Rein rationale Entscheidungen sind beim Menschen nicht möglich. Wir entscheiden immer auch affektiv-emotional und mithilfe unseres Erfahrungswissens.

Würde ein CIA-Agent, eine Reinigungskraft und ein Innenarchitekt in einen ihnen unbekannten Raum gehen, würde jeder dieser drei Personen ganz unterschiedliche Dinge wahrnehmen, beachten und bewerten.

Der renommierte Neurowissenschaftler David Eagleman schrieb:
„Unsere Wahrnehmung ist nicht nur eine unvollständige bis falsche Rekonstruktion der Welt, sondern sie gibt obendrein vor, ein vollständiges Bild zu sein, obwohl wir in Wirklichkeit nur das sehen, was wir sehen müssen, und nicht mehr. Die meisten Dinge muss das Gehirn gar nicht wissen. Es muss nur wissen, wie es an die Informationen kommt, wenn es sie benötigt. Es weiß, was es wissen muss“.

Besitztumseffekt

Der Besitztumseffekt ist eine sogenannte kognitive Verzerrung nach dem US-Ökonomen Richard Thaler, auch Endowment-Effekt genannt. Sie besagt, dass Menschen dazu tendieren, ein Gut wertvoller einzuschätzen, wenn sie es besitzen. In einem Experiment der Cornell University gaben Forscher den Teilnehmern Kaffeetassen und boten wenig später an, ihnen Schokolade im Tausch für ihre Tasse zu geben. Fast keiner der Teilnehmer*innen wollte handeln. Als nächstes kehrten die Forscher das Experiment um. Sie gaben neuen Versuchspersonen Schokolade und baten sie anschließend, sie gegen eine Kaffeetasse einzutauschen. Wieder wollten nur sehr wenige handeln. Es ging den Personen folglich um das, was sie bereits hatten, nicht um die eigentlichen Objekte. Wenn wir etwas in die Hand nehmen, tun wir viel dafür, es auch zu behalten. Wir kennen dieses Vorgehen u.a. von geschickten Verkäufern, die bereitwillig einen das Objekt anfassen, ausprobieren und für kurze Zeit „besitzen“ lassen.

Kognitive Verzerrung und Lügen

Viele Lügner und Betrüger leben in einer kognitiven Verzerrung, um dass, was sie tun bzw. getan haben, vor sich selbst rechtfertigen zu können und die Schwere der Tat zu relativieren. „Bei sehr vielen Straftaten ist ein wichtiger Aspekt, dass die Täter nicht von sich denken, dass sie ein böser Mensch seien oder es so auch nicht sehen möchten. Sehr viele Täter haben kognitive Verzerrungen, um sich selbst zu rechtfertigen“, so die Kriminalpsychologin Lydia Benecke. Teilweise zeigt sich diese kognitive Verzerrung auch in Form von Schuldverschiebung zu anderen Personen oder der Situation an sich. Oft wird diese Verzerrung gepaart mit einer Hybris und einem Überlegenheitsgefühl, dass man selbst schlauer und überlegen sei.

Reaktanz

Eine Form der kognitiven Verzerrung ist die sogenannte Reaktanz. Diese tritt auf, wenn eine Person das Gefühl hat, dass eine andere Person oder Gruppe ihre Entscheidungsfreiheit einschränken will. Die Reaktanz führt dazu, dass diese Person dann eine Meinung vertritt, die der des anderen bzw. der Gruppe entgegensteht. Häufig tritt die Reaktanz in der Aufwertung der eliminierten oder eingeschränkten Alternative auf, dass bedeutet, dass gerade die Freiheiten, die der Person genommen werden sollen, nun als besonders wichtig erachtet werden. Denn Menschen wollen im Grundsatz nicht das tun, was andere für uns vorgesehen haben, sondern sie wollen sich frei entscheiden. Die Reaktanz (Widerspenstigkeit) wirkt dann wie eine Art Schutzschild gegen Beeinflussungsversuche. Die Reaktanz wird oft in der umgekehrten Psychologie bzw. für Manipulation und in der Verkaufspsychologie genutzt. Ein einfaches Beispiel für Reaktanz: Eltern, die ihrem Kind das genaue Gegenteil von dem raten, was es eigentlich tun soll. Beim Spielen wird zum Beispiel gesagt: „ich wette, Du schaffst es nicht, mich im Spiel XY zu schlagen“!

Kognitive Verzerrung im Alltag

Diese 18 zentralen Elemente der kognitiven Verzerrung unterscheidet man am häufigsten:

1. Mitläufereffekt

Wir nehmen oft unbewusst genau die Meinung an, die am häufigsten vertreten wird, ohne sie zu hinterfragen. Ergänzt wird dies durch den sog. Authority Bias, was die Tendenz beschreibt, dass wir diejenigen Aussagen besonders stark gewichten, die sie von einer Autorität stammen.

2. Bestätigungsfehler (Confirmation Bias)

Wir interpretieren neue Informationen oftmals genau so, dass sie unseren eigenen Erwartungen entsprechen. Es werden hierbei vorrangig nur die Informationen akzeptiert, die unsere bereits vorhandene Meinung bestätigen. Andere Informationen werden meist noch nicht einmal auf Glaubhaftigkeit überprüft.

3. Selbstwertdienliche Verzerrung

Persönliche Erfolge werden eher den eigenen Fähigkeiten zugeschrieben, Misserfolge werden eher auf äußere Umstände geschoben. Ein Sachverhalt wird so immer zu unseren Gunsten interpretiert. Ein Beispiel dieser Selbstzuschreibungsverzerrung (engl. self-attribution bias) sind Aktienspekulanten, die meist die Aktiengewinne ihrem eigenen Geschick zuschreiben, Aktienverluste hingegen werden äußeren Widrigkeiten zugeschoben.

4. Gender Bias

Wir neigen dazu, in Rollenklischees zu denken und Tätigkeiten geschlechtsspezifisch zuzuschreiben.

5. Halo-Effekt (Heiligenschein)

Wir neigen dazu, durch die uns bekannten Eigenschaften eines Menschen auch auf die anderen Eigenschaften dieser Person zu schließen, über die wir gar keine Informationen haben. Ausgangspunkt für den Halo-Effekt sind vor allem markante Merkmale der zu beurteilenden Person (z.B. physische Attraktivität, Behinderung, außergewöhnliche Leistungen). Zusätzlich verbinden wir bestimmte Charaktereigenschaften mit verschiedenen Stereotypen. Wahrnehmungsfehler wie der Halo-Effekt sorgen dafür, dass wir falsche Schlüsse ziehen. Mehrere Studien zeigten auf, dass korpulente Menschen für fauler und willensschwacher im Vergleich zu schlanken Menschen gehalten wurden (Grant, Mizzi & Anglim, 2016). Brillenträger werden generell als intelligenter eingeschätzt, obgleich es hier in puncto IQ keinerlei Zusammenhang gibt (Edwards, 1987). Beispiele:
gut gekleideter Businessmann = erfolgreich,
muskulös = abenteuerlustig, willensstark, dominant, diszipliniert.

Stereotype sind festgefahrene Vorurteile über bestimmte Menschen. Sie sind Abkürzungen, die dabei helfen, Situationen und Menschen einzuschätzen, ohne sie zeitaufwändig analysieren zu müssen. Stereotype werden im Alltag ständig verwendet. Meist genügt bereits eine einzige Eigenschaft einer Person, um auf eine Reihe anderer zu schließen.

6. Above-Average-Effekt (Überdurchschnittlichkeitsillusion)

Wir neigen dazu, unsere Fähigkeiten, Fertigkeiten und unser Können zu überschätzen (wer hält sich nicht für einen guten Liebhaber oder sehr guten Autofahrer?).

7. Ankern

Wird ein Anker gesetzt (z.B. beim Kauf eines neuen Autos), bildet dieser Anker, so unsinnig dieser auch sein mag, den Ausgangspunkt, was man für angemessen hält.

8. Aufmerksamkeits-Fehler

Wir nehmen Dinge und Informationen nur sehr selektiv und nach unserer eignen Aufmerksamkeitspräferenz wahr. Ein bekanntes und lustiges Beispiel: Das Gorilla-Experiment:

9. Kognitive Dissonanz

Wir ändern entweder unser Verhalten, um es mit den Informationen in Einklang zu bringen, oder wir ändern unsere Einstellungen. Wir geben dabei der Information den Vorrang, die unsere Entscheidung als richtig erscheinen lässt, und versuchen die andere Information auszublenden oder abzuwerten. Hier findet also ein Selbstbetrug statt, denn wir sind wahre Experten darin, die Realität zu verdrehen, Fakten zu ignorieren und Wahrheiten zu verbiegen, bis diese ins eigene Weltbild passen. Das Ganze geschieht unterbewusst und in Sekundenbruchteilen.

10. Kontrast-Effekt

Wir bewerten unterbewusst Dinge sehr unterschiedlich und in Abhängigkeit davon, mit was wir etwas vergleichen. Beispiel: Nach dem Kauf eines sehr teuren Anzugs für 1.350 EUR erscheint uns der teure Gürtel für 120 EUR billig bzw. in Relation als angemessen. Würden wir nur einen Gürtel kaufen wollen, wären für viele von uns die 120 EUR deutlich zu teuer.

11. Rückschau-Fehler (Hindsight Bias)

Die Vergangenheit wird mit dem heutigen Wissen bewertet und dahingehend falsch bewertet.

12. Soziales Faulenzen

Wir neigen dazu, weniger Leistung zu geben, sobald andere Menschen an einer Aufgabe beteiligt sind.

13. Überlebens-Irrtum

Wir orientieren uns vorwiegend an den Erfolgen und ignorieren Misserfolge. Beispiel: Existenzgründer orientieren sich fast ausschließlich an den großen Erfolgen wie Google, Facebook oder Amazon und lassen die zahlreichen Misserfolge außer Acht.

14. Verarbeitungsflüssigkeit

Wir halten diejenigen Aussagen, die für uns klar und verständlich sind, viel häufiger für wahr. Umgekehrt halten wir weniger verständliche Aussagen auch für weniger wahr.

15. Verfügbarkeits-Fehler (Availability Bias)

Diejenigen Dinge, die überall und ständig verfügbar sind, erscheinen uns auch in der Realität omnipräsent vorzukommen. Beispiel: findet eine Kindesentführung oder Hai-Attacke statt und alle Medien berichten darüber, nehmen wir diese Bedrohung als unverhältnismäßig stark und häufig wahr.

16. Versenkte Kosten

Wir glauben, wenn wir bereits Summe X in eine Sache investiert haben, müssen wir diese auch nutzen bzw. zu Ende bringen, unabhängig davon, ob uns diese Sache nützt oder gefällt.

17. Eigengruppenbevorzugung (Ingroup Bias)

Eigengruppenbevorzugung bedeutet, dass wir dazu neigen, Mitglieder einer Gruppe gegenüber Außenseitern zu bevorzugen.

18. Home Bias

Beim sogenannten “Home Bias” handelt es sich um die Neigung, Investitionen vorzugsweise im eigenen Land zu tätigen. Anleger fühlen sich oft sicherer, wenn sie auf Bekanntes zurückgreifen. Das kann daran liegen, dass sie sich mit der lokalen Wirtschaft oder den Unternehmen vermeintlich besser auskennen. Häufig spielt aber auch die emotionale Bindung eine Rolle – etwa, wenn Familienmitglieder oder Freunde in einem Unternehmen arbeiten. Diese Verzerrung führt dazu, dass Chancen außerhalb der eigenen Landesgrenzen seltener wahrgenommen werden. Der Home Bias ist ein gutes Beispiel dafür, wie unser Streben nach Sicherheit und Vertrautheit die rationale Diversifikation von Entscheidungen einschränken kann.

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