Unter Impostor-Syndrom, auch Hochstapler-Syndrom genannt, bezeichnet man Menschen, die so starke Selbstzweifel hinsichtlich ihrer eigener Fähigkeiten, Leistungen und Erfolge haben, dass sie sich im Extremfall selbst für Hochstapler halten und in der ständigen Angst leben, andere könnten ihren vermeintlichen Mangel an Befähigung bemerken und sie als Betrüger entlarven. Erfolge werden eher dem Glück, Zufall oder mit der Überschätzung der eigenen Fähigkeiten durch andere erklärt – oder durch den sogenannten Matthäus-Effekt: dem Glauben, frühere Erfolge bringen auch zukünftig fast automatisch Erfolge mit sich. Umfragen zufolge stufen sich ca. 40 Prozent aller erfolgreichen Mitarbeiter:innen selbst als Hochstapler in ihrem Job ein. Das zeigt, wie tief die Angst in uns ist, nicht gut genug zu sein und dass jemand uns enttarnen könne.
Das Impostor-Syndrom kann also als eine als eine extreme Form des Selbstzweifels bezeichnet werden. Die Kernangst dieser Menschen ist es, dass ihre Mitmenschen sie regelmäßig überschätzen. Die Folge ist eine tiefe Angst davor, entlarvt zu werden. So stehen diese Menschen unter permanentem Druck, entwickeln zunehmend Versagensängste, Selbstzweifel, neigen zum Grübeln und Gedankenschleifen und bleiben dadurch irgendwann hinter ihren Möglichkeiten.
Erstmals wurde der Begriff „Hochstapler-Syndrom“ als „impostor phenomenon“ im Jahr 1978 in einem Artikel von Pauline R. Clance und Suzanne A. Imes erwähnt. Seither wurde dieses Persönlichkeitsmerkmal weiter erforscht und nahm an Bekanntheit und Bedeutung zu. Das Impostor-Syndrom bzw. Hochstapler-Syndrom wird auch Impostor-Phänomen, Mogelpackungs-Syndrom oder Betrüger-Phänomen genannt. Einige interessante TED Talks zum Thema „impostor syndrome“ gibt es hier.
Übrigens: Obwohl das Impostor-Syndrom ursprünglich und in vielen Berichten immer wieder vor allem mit Frauen in Verbindung gebracht wird: Studien zufolge leiden unter dem Hochstapler-Syndrom Männer und Frauen fast gleichermaßen.
Ursachen für das Hochstapler-Phänomen
Das menschliche Verhalten wird von den beiden größten, universellen sozialen Ängsten geleitet:
1. Die Angst vor gesellschaftlicher Beurteilung.
2. Die Angst, als Schwindler bezeichnet zu werden.
Zudem ist zu vermuten, dass die Grundlage für das Hochstapler-Syndrom – wie bei vielen anderen Verhaltensweisen auch – in der Kindheit liegt. Kinder, deren Selbstwert nicht gefördert wird, entwickeln oft die Annahme, dass sie Liebe und Anerkennung nur über Leistung erwerben können. Ihr Selbstwert ist also an Leistung und nicht ihrer Persönlichkeit gekoppelt.
Oprah Winfrey
Oprah Winfrey hat über 37.000 Menschen interviewt, seit sie ihre Karriere 1989 begann. Sie hat mit den unterschiedlichsten Personen gesprochen, von Weltführern über Milliardäre, erfolgreichen CEOs, Spitzensportlern bis hin zu prominenten Schauspielern und gewöhnlichen Personen. Nach Tausenden von Interviews mit den erfolgreichsten Menschen entdeckte Oprah Winfrey ein Muster: egal, ob Barack Obama, George Bush oder Beyoncé – Oprah bemerkte, dass sich jede Person nach dem Gespräch zu ihr lehnte und fragte:
„War ich OK? Hat es Dir gefallen?“
Das zeigt: Jeder, selbst die erfolgreichsten Menschen, sorgen sich darum, dass sie gemocht werden. Wir Menschen werden von zwei universellen Grundbedürfnissen angetrieben, die evolutionär tief in uns angelegt sind: Verbindung finden und Ablehnung vermeiden. Darauf aufbauen teilen wir Menschen fast alle diese zwei universellen negativen Glaubenssätze:
1. Ich bin nicht genug.
2. Die Angst, nicht geliebt zu werden, wenn sie nicht gut genug sind. Die Folge: Ich bin anders und finde daher keine Verbindung.
Psychologische Mechanismen des Impostor-Syndroms
Das Impostor-Syndrom beruht auf tief verwurzelten psychologischen Mechanismen, die die Selbstwahrnehmung und das Selbstwertgefühl stark beeinflussen. Menschen mit diesem Syndrom neigen dazu, ihre Erfolge zu externalisieren und Misserfolge zu internalisieren. Das bedeutet, dass sie positive Ereignisse oft äußeren Umständen zuschreiben, während sie Fehler und Schwächen als persönliche Mängel betrachten. Dieser kognitive Verzerrungseffekt verstärkt die Selbstzweifel und führt zu einem ständigen Gefühl des „Unverdientseins“ und der Angst vor Enttarnung. Solche Denkmuster verhindern, dass betroffene Personen ihre Erfolge als authentisch und verdient wahrnehmen können.
Langfristige Auswirkungen des Impostor-Syndroms auf das berufliche und persönliche Leben
Das Impostor-Syndrom hat nicht nur psychologische, sondern auch weitreichende berufliche und soziale Konsequenzen. Menschen, die unter diesem Syndrom leiden, neigen oft zu Perfektionismus und setzen sich unter erheblichen Leistungsdruck. Sie arbeiten härter, um ihre vermeintlichen Defizite zu kompensieren, was oft zu Überarbeitung und Stress führt. Auf lange Sicht können diese Verhaltensmuster zu Burnout, Isolation und reduzierter Lebensqualität führen. Zudem verhindert das Impostor-Syndrom, dass betroffene Personen berufliche Chancen nutzen, da sie sich aufgrund von Selbstzweifeln oft nicht zutrauen, neue Herausforderungen anzunehmen.





