Die Kampf-oder-Flucht-Reaktion ist eine physiologische Reaktion, die als Reaktion auf eine wahrgenommene Bedrohung oder einen Stressfaktor auftritt. Es handelt sich um einen Überlebensmechanismus, der den Körper darauf vorbereitet, die Bedrohung entweder zu bekämpfen oder vor ihr zu fliehen.
Wenn eine Bedrohung wahrgenommen wird, signalisiert der Hypothalamus im Gehirn den Nebennieren, die Stresshormone Adrenalin und Cortisol auszuschütten. Dies führt zu einer Reihe von physiologischen Veränderungen im Körper, einschließlich erhöhter Herzfrequenz, schneller Atmung und erhöhtem Blutdruck. Der Körper setzt auch Glukose in den Blutkreislauf frei, die eine schnelle Energiequelle für die Muskeln darstellt.
Schon seit Urzeiten reagiert der Mensch in Angstsituationen mit den drei reflexartigen Verhaltensweisen Angriff, Flucht oder Starre, auch fight-or-flight response oder fight or flight syndrom genannt. Kampf ist dabei fast immer das letzte Mittel, wenn andere Schutzverhaltensmuster versagt haben.
Kampf-oder-Flucht-Reaktion ist ein von dem US-amerikanischen Physiologen Walter Cannon geprägter Begriff. Diese evolutionäre Kampf-oder-Flucht-Reaktion ist u.a. ursächlich dafür verantwortlich, dass wir heute bei Bedrohung mit der Emotion Wut (Kampf) oder Angst (Flucht) reagieren. Dahingehend ist unsere neuronale Reaktion auf äußeren Stress bis heute unverändert. Unser Gehirn unterscheidet in Stresssituationen nicht, ob diese lebensbedrohlich sind wie früher (Angriff eines gefährlichen Tieres etc.) oder nicht. Sowohl die physischen als auch die psychischen Reaktionen sind identisch.
Fight or Flight Syndrom: Amygdala
Sämtliche unserer Verhaltensweisen werden durch unser Gehirn gesteuert. Das limbische System unseres Gehirns hat dabei eine Besonderheit: es reagiert unmittelbar und reflexartig, ohne dass wir dies bewusst steuern können oder dafür nachdenken müssen. Es ist dafür verantwortlich, dass wir unterbewusst alle Reize aus unserer Umgebung wahrnehmen und auf diese automatisch, unmittelbar und wahrhaftig reagieren. Das limbische Gehirn sichert durch sein reflexartiges Verhalten unser Überleben. Aufgrund dieser Eigenschaft ist es immer aktiv und kann nie ausgeschaltet werden. Da das limbische System nicht mit dem Verstand gesteuert werden kann, ist die erste Reaktion immer authentisch und ehrlich. Und genau diese unbewussten, reflexartigen Verhaltensweisen, die vom limbischen System ausgelöst und gesteuert werden, können wir beobachten, interpretieren und entschlüsseln.
Autonome Nervensystem
Das limbische System ist der Sitz des Unterbewusstseins und des autonomen Nervensystems, das alle automatisch ablaufenden biologischen Funktionen steuert. Es ist an unserem Instinktverhalten, den grundlegenden Emotionen und Impulsen (darunter auch Sexualtrieb, Wut, Vergnügen oder Überlebensdrang) beteiligt. Kurzum: das limbische System steuert unsere Emotionen.
Teil des limbischen Systems ist die Amygdala, ein kleiner, mandelförmiger Komplex von Nervenzellen im unteren Bereich des Gehirninneren. In der Amygdala (Mandelkern) sind viele menschliche Emotionen zu Hause. Sie verarbeitet äußerliche Einflüsse, löst bei Bedarf Angst, Fluchtreflexe oder andere Emotionen aus und setzt die entsprechenden Hormone frei. Die Amygdala besitzt außerdem ein eigenes Gedächtnis: wurde man z.B. als Kind von einem Hund gebissen, verbindet die Amygdala die Erinnerung an Hunde mit Angst. Der Prozess unserer Amygdala ist so schnell und unterbewusst, dass ein rationales Abwägen und Bewerten der Situation in diesem Moment nicht möglich ist. Wird die Situation als gefährlich bzw. bedrohlich eingestuft, kommt es zum Handlungsimpuls Angriff, Flucht oder Starre und einer unmittelbaren Ausschüttung von u.a. Adrenalin.
Die Amygdala bekommt Signale aus unserem vegetativen Nervensystem (auch autonomes Nervensystem genannt) und sendet Befehle an unseren Körper durch zwei autonome Bereiche: dem sympathischen Nervensystem und dem parasympathischen Nervensystem. Sympathikus und Parasympathikus sind also Teil des vegetativen Nervensystems. Während der Sympathikus den Organismus auf eine Aktivitätssteigerung („fight or flight“) einstellt, überwiegt der Parasympathikus in Ruhe- und Regenerationsphasen („rest and digest“). Unser autonomes Nervensystem reagiert innerhalb von ca. 0,12 Sekunden auf äußere Reize und sendet diese Signale an unser Gehirn, das wiederum in ca. 0,57 Sekunden zu einer Beurteilung und Ausschüttung bestimmter Hormone gelangt. Erst nach diesem Prozess wird der Neocortex aktiviert, also unser Verstand, unsere Logik und unsere Sprache. So findet am Ende der unterbewussten Reaktion eine rationale Bewertung statt.
Nach der initialen Reaktion des limbischen Systems und der Amygdala schaltet sich der Neocortex ein, der Teil des Gehirns, der für rationale Entscheidungsprozesse verantwortlich ist. Während die Reaktion des limbischen Systems reflexartig und unbewusst erfolgt, ermöglicht der Neocortex eine rationale Bewertung der Bedrohung. Dieser Übergang von der impulsiven zur bewussten Reaktion ist entscheidend, um in Bedrohungssituationen angemessene Entscheidungen zu treffen. Im Gegensatz zur direkten Reaktion der Amygdala benötigt der Neocortex jedoch mehr Zeit, was erklärt, warum in hochgradig stressvollen oder gefährlichen Momenten instinktive Handlungen oft Vorrang vor überlegten Entscheidungen haben.
Kampf-oder-Flucht-Reaktion – drei Grundreaktionen auf Bedrohung
Wir Menschen sind auf andere abgestimmte soziale Wesen und befinden uns daher die meiste Zeit in einem Resonanz- / Anpassungsmodus. „Adaptive Reaktionen“ nennt man die Anpassung des Verhaltens an die Umgebungsveränderung. Wir passen uns den jeweiligen Gegebenheiten an und machen unsere Gefühle erkennbar, um so unser Überleben zu sichern, in dem wir durch nonverbale Signale z.B. andere warnen (z.B. bei Gefahrensituationen).
Die Atmung und die Herzfrequenz haben sich erhöht, damit die Gliedmaßen mit mehr Sauerstoff versorgt werden und sie genügend Energie haben, um entweder zu kämpfen oder so schnell und effektiv wie möglich weglaufen zu können.
In der Schockstarre passiert biologisch auch etwas Interessantes: das ganze Blut aus den eher unwichtigeren Organen, wie zum Beispiel dem Magen, wird in die Gliedmaßen gepumpt, damit die Muskeln besser mit Sauerstoff versorgt werden und man schneller rennen oder besser kämpfen kann. Zudem wird Adrenalin ausgestoßen. Adrenalin sorgt dafür, dass die Herzfrequenz steigt, der Blutdruck steigt, die Bronchien sich erweitern, Energie schneller bereitgestellt wird und uns schmerzunempfindlicher macht.
Langfristige Auswirkungen chronischer Aktivierung des Fight-or-Flight-Systems
Eine ständige Aktivierung des Kampf-oder-Flucht-Mechanismus, wie sie bei chronischem Stress vorkommt, hat langfristige Auswirkungen auf die Gesundheit. Dauerhaft erhöhte Cortisolspiegel können zu erhöhter Reizbarkeit, Schlafproblemen und sogar zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen. Zudem kann eine chronische Aktivierung des sympathischen Nervensystems das Immunsystem schwächen, da der Körper Ressourcen auf das Überleben konzentriert und die Regenerationsprozesse vernachlässigt.
Cocktail-Party-Effekt
Interessant: Der Cocktail-Party-Effekt, auch Cocktail-Party-Phänomen genannt, beschreibt die Fähigkeit des Menschen, während einer Unterhaltung, der man seine Aufmerksamkeit schenkt, umgebende Geräusche aus dem Bewusstsein auszublenden. Unterbewusst werden die Umgebungsgeräusche aber offensichtlich dennoch wahrgenommen, denn fällt z.B. im Raum der eigene Name, kommt diese Information ins Bewusstsein. Auch potenzielle Gefährdungssignale (z.B. das Knurren eines Hundes) werden bewusst wahrgenommen, das Unterbewusstsein reagiert unmittelbar.
Anzeichen für eine Fight or Flight Response und wie wir dies zum Lügen erkennen und Menschen lesen nutzen können, gibt es im großen Profiler Buch.





